Warum wir in diesem Sommer die Hände frei haben möchten

Luxus wird solide

Nie zuvor war der Wunsch so ausgeprägt, die Hände frei zu haben, wie in diesem Sommer.  Vor allem in der Mode zeigt sich, dass die heutigen Herausforderungen nicht mehr mit Gold und Glitzer übertüncht werden können. Um die gegenwärtigen Probleme zu schultern, brauchen wir das Solide und den praktischen „Zugriff“ auf die Dinge des Lebens. Dabei müssen Kopf und Hände frei sein.

von Dr. Alexandra Hildebrandt

Selbst Luxusdesigner setzen heute auf den Rucksack oder moderne Turnbeutel-Rucksäcke, von denen viele aussehen, als stammen sie aus den Neunzigern. Darunter sind auch zahlreiche Luxusprodukte, die einfach wie ein Päckchen geschnürt und auf den Rücken geworfen werden können.

Dass bei jungen Menschen, die „lange verpönten Turnbeutel aus Stoff“ wieder sehr gefragt sind, bemerkt auch Claudia Silber, die beim Öko-Pionier memo AG die Unternehmenskommunikation leitet:

„Beliebt sind besonders Biobaumwollbeutel, vielseitige Zuziehbeutel aus besonders hochwertiger Bio-Baumwolle, die mit zwei kräftigen Kordeln zu schnüren sind und als kleiner Rucksack, Schuh- oder Turnbeutel verwendet werden.“

Sie werden gemäß dem Global Organic Textile Standard (GOTS) hergestellt. GOTS ist als weltweit führender Standard für die Verarbeitung von Textilien aus biologisch erzeugten Naturfasern anerkannt.

„Auf hohem Niveau definiert er umwelttechnische Anforderungen entlang der gesamten textilen Produktionskette und gleichzeitig die einzuhaltenden Sozialkriterien. Die Qualitätssicherung erfolgt durch unabhängige Zertifizierung der gesamten Textillieferkette.“

Das Fairtrade Certified Cotton-Siegel wird seit 2007 von der unabhängigen Zertifizierungsstelle TransFair für Textilien vergeben und verbessert die Lebensbedingungen der Produzenten durch eine faire Bezahlung der Rohstoffgewinnung und die Einhaltung von sozialen Mindeststandards in der Verarbeitung (z. B. der memo Bio-Baumwollturnbeutel)

Die Schwere des Lebens ablegen

Dass solide Zeiten angebrochen sind, zeigt sich auch in der Sehnsucht nach der Leichtigkeit des Seins und leichtem Gepäck. „Sag nein zu totem Gewicht“ lautet die Devise. Doch wohin zieht es Menschen, die die Schwere des Lebens einfach ablegen wollen?

Der Trend – zumindest bei bestimmten Zielgruppen – geht weg vom Massentourismus hin zu kleinen Orten und Unterkünften zwischen Bergen und Wasser, sagt die Nachhaltigkeitsexpertin Claudia Silber, die zudem bestätigt, dass die alte Sommerfrische derzeit eine Renaissance erlebt und der klassische „Urlaub“ an Gewicht verliert.

Sie verweist allerdings auch darauf, dass sich aktuell auch Zeitschriften wie „Schöner Wohnen“ mit dem Thema „Weniger ist mehr“ beschäftigen: Wer Ballast auch zu Hause abwirft, lebt leichter und „freier“ und kann sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Viele Menschen möchten heute mobil, flexibel und beweglich wie möglich sein. Deshalb ist leichtes Gepäck für sie der Inbegriff ihres digitalen Nomadenlebens und von Freiheit.

Leichtes Gepäck

Vor allem die Generation Y sieht kritisch auf das Sicherheitsdenken der „Älteren“, die oft zu viel einpacken und die Angst des “Was wäre wenn…” nicht ablegen können.

Vieles mutet fast philosophisch an, wenn sie über das Reisegepäck sprechen, etwa über das 80/20-Prinzip: „Nimm 20% der Ausrüstung mit, die 80% der Situationen unterwegs abdecken.“ Alles andere liegt buchstäblich auf dem Weg und kann unterwegs erworben werden. Deshalb raten sie: „Kauf dir einen kleinen Rucksack.“

Mit leichtem Gepäck auf dem Jakobsweg

Mit leichtem Gepäck auf dem Jakobsweg

Claudia Silber verweist in diesem Zusammenhang auch auf Christopf Herrmann, der den Blog „Einfach bewusst — minimalistisch, nachhaltig & vegan leben“ www.einfachbewusst.de betreibt: Von seinem Wohnort Nürnberg aus machte er sich mit 8 Kilogramm Gepäck auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. „Andere schaffen acht Kilogramm nicht mal für ihr Handgepäck im Flugzeug“, so die Nachhaltigkeitsexpertin.

Die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung wird begleitet vom Song “Leichtes Gepäck“ von Silbermond:

  • „Eines Tages fällt dir auf,
  • dass du 99% nicht brauchst.
  • Du nimmst all den Ballast
  • und schmeisst ihn weg,
  • Denn es reist sich besser,
  • mit leichtem Gepäck.“

Der menschliche Reichtum lässt sich an den Dingen messen, „die er entbehren kann, ohne seine gute Laune zu verlieren“, schrieb schon der amerikanischen Dichter, Philosoph, Landvermesser und Lehrer Henry David Thoreau (1817-1862) in seinem Klassiker „Walden oder das Leben in den Wäldern“ (1854).

Zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage lebte er spartanisch in einer winzigen Holzhütte, in der er herausfinden wollte, ob ein Leben mit der Natur möglich ist, und ob das Denken freier fließt, wenn auf zivilisatorischen Ballast verzichtet wird

Das folgende Zitat ist auch das Leitmotiv für den „Club der toten Dichter“:

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte.“

Thoreau wurde zur Ikone der Umweltaktivisten. Sein konsumkritischer Ansatz findet sich heute auch in der Freizeitindustrie. Rucksäcke sind dafür ein greifbares Symbol: So wiegen die von Ultralight-Wanderen nur ein paar Hundert Gramm.

Interessant sind aber auch die modernen Bezüge zum Wald und den freien Händen:

2008 brachte die schwedische Outdoormarke Fjällraven einen Rucksack auf den Markt, mit dem jedes schwedische Kind aufgewachsen ist. Es gab eine Bewegung namens „Mulleskole“, die eine Art Naturschule war:

„Jede Woche gingen alle Kinder in die Wälder, um Feuer zu machen, Beeren zu sammeln. Und wirklich jedes Kind hatte so einen Rucksack von Fjällraven. Dann verschwand er und tauchte erst vor ein paar Jahren wieder auf“
, sagt Sebastian Westin, Firmengründer der Marke Sandqvist, die in den vergangenen Jahren vom Rucksackboom profitiert hat.

Die etwas altmodisch anmutenden Rucksäcke aus festem Baumwollstoff mit Lederriemen gehören zu ihren bestverkauften Produkten. Zu den Käufern gehört vor allem die Generation der heute 40-Jährigen, die damit nostalgische Kindheitserinnerungen verbindet:

Der Kånken-Rucksack des schwedischen Outdoor-Ausstatters Fjällräven wurde in den 70er-Jahren als Schulrucksack entwickelt. Heute tragen ihn die groß gewordenen 40-Jährigen, „um zum Beispiel ihren Laptop zu transportieren – und vielleicht auch als Ausdruck einer erweiterten Jugend“.

Als das Unternehmen gegründet wurde, verglichen Mitarbeiter und Inhaber die Marke mit dem alten Volvo aus den 80ern, der ein echter Volkswagen war, außerdem haltbar, einfach zu reparieren und ohne Extravaganzen. So sollten auch die Rucksäcke sein.

„Wir merken aber, dass die Leute begreifen, dass es total sinnvoll ist, die Hände frei (!) zu haben“, bestätigt auch Sebastian Westin.

Überlebensmittel

Immer mehr Menschen achten heute allerdings beim Kauf von Rucksäcken auf die Aspekte umweltfreundlich, fair und vegan. Zur Herstellung werden ausschließlich Fairtrade oder GOTS-zertifizierte Naturtextilien verwendet.

Die Rucksäcke werden aus Bio-Baumwolle, Bio-Leder, gebrauchter LKW-Plane oder anderen Upcycling-Materialien hergestellt. Ein Vorreiter ist beispielsweise das mittelständische Familienunternehmen VAUDE, das konsequent auf Umwelt- und Sozialverträglichkeit setzt: Das Green Shape Logo kennzeichnet Produkte aus nachhaltigen Materialien und ressourcenschonender Herstellung. Als Mitglied der unabhängigen Non-Profit-Organisation Fair Wear Foundation verpflichtet sich VAUDE, deren strengen Verhaltenskodex (Code of Labour Practices) einzuhalten.

Der Hauptstoff ihrer Rucksäcke (z.B. „PETali“) besteht vielfach zu 45 % aus Recyclingmaterial, das Futter sogar zu 100 %. Sie sind für Veganer geeignet und enthalten keine tierischen Bestandteile (Quelle: memolife).

Auch vegane Solar-Rucksäcke aus wetterfestem Material, die aus wiederverwertetem PET hergestellt hergestellt sind, liegen im Trend. Nylon, AZO-Farben, Nickel, Cadmium oder Weichmacher kommen nicht zum Einsatz (Quelle: memolife).

Allein an solchen einfachen Beispielen zeigt sich, dass es viele Möglichkeiten gibt, „uns bewusst und ohne große Einschränkungen für Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu entscheiden“. Ob im Privatleben oder bei beruflichen Entscheidungen: „Es gibt fast immer eine Option, es besser zu machen“ schreibt der österreichische Bergsteiger und Sportwissenschaftler Stefan Gatt in seinem „Survival Handbuch Führung“, in dem er sich auch mit der Frage beschäftigt, wie nachhaltig führen, denken und handeln richtig funktionieren kann. Denn es geht ums Überleben – im Kleinen und im Großen.

Weitere Informationen:


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alexandra.hildebrandt@ska-network.com'

von Dr. Alexandra Hildebrandt

Dr. Alexandra Hildebrandt ist Publizistin, Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit.

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