Das Einfache (wie z. B. ein Sneaker) wird immer beliebter, je komplexer, unübersichtlicher und unsicherer die Welt wird – Dinge, die Menschen Halt geben und ihr selbstbestimmtes Denken und Handeln buchstäblich in Form bringen. Der Sneaker-Trend, der in den achtziger Jahren entstand, als Hip-Hop-Gruppierungen wie Run DMC begannen, Basketballschuhe zu tragen, spiegelt das wieder. Die Schuhe passen zu allem und stehen für eine überschaubare Welt, die zugleich die Sehnsucht nach einer Zeit erfüllt, die noch nicht aus den Fugen war. Das zeigt sich auch in der Vorliebe für die Farbe Weiß, die für Reinheit und das Gute steht. Aber auch in Schwarz wird die Welt gern betreten.

Ein Gastbeitrag von Frau Dr. Alexandra Hildebrandt

Sneakers stehen für das Zeitalter der Gleichzeitigkeit, in dem alles parallel „ver-läuft“ und Menschen das Gefühl haben möchten, anders zu sein und trotzdem zu einer Gemeinschaft Gleichgesinnter dazuzugehören.

Verstärkt wird diese Entwicklung durch Zeitschriften wie „Sneaker Freaker“, mehrere Facebookgruppen, in denen mit Sneakern gehandelt wird und Messen wie die die Sneakerness in Köln oder Sneaker-Conventions – Messen, auf denen man selbst Schuhe verkaufen kann. Die sogenannten „Reseller“ kaufen Schuhe, um sie dann wieder zu verkaufen – teilweise für das Zehnfache des Ladenpreises. Doch ein Großteil wird seit Jahren nicht mehr im regulären Verkauf, sondern von Privatpersonen gehandelt („Deadstock“).

2014 ließen Designer von Chanel und Dior auffällig viele Models in Sneakers über die Pariser Laufstege gehen. Beliebt sind Sneakers auch, weil sie von zahlreichen Prominenten getragen und beworben werden, die für maximale Aufmerksamkeit sorgen. Unternehmen kooperieren mit Megastars (Adidas neben Kanye West mit dem US-Hip-Hopper Pharell Williams, Puma mit der Sängerin Rihanna).

Moderne Jäger und Sammler

Der Schauspieler Oliver Korittke ist ein fanatischer Sneaker-Sammler, der ca. 2.500 Sneaker besitzt. Sneaker sind für ihn „das Gold des kleinen Mannes“. Denn das Erste, was Jugendliche heute tun: „auf die Schuhe schauen“. Heute geht es um „Runners“ oder „Trainers“ – in der Szene Begriffe für besondere Laufschuhe.

Unter dem Begriff Sneaker versteht Korittke Schuhe, „die man abends anzieht, wenn man ausgeht, auf die Straße, auf ’ne Party, aufs Konzert. Aber bitte nicht immer dieselben. Wenn man auf ein Hiphop-Konzert geht, dann zieht man nicht irgendwelche Jogging-Sneaker an, sondern holt den Air Force One raus oder einen Dunk oder den Adidas Superstar oder auch den Puma Disc.“ (faz.net: Das Gold des kleinen Mannes)

Auch müssen die Schuhe bei ihm zur Sammlung passen, denn darum geht heute noch immer: „ums Sammeln und Jagen, wie eh und je.“
Deichmann, der größte deutsche Schuhhändler Deutschlands, verpflichtete ihn 2015 in einer Werbekampagne und ernannte ihn sogar zum „President of Sneakers“.


The President of Sneakers will die Untersneakerisierung beenden

Quelle: YouTube.com (President of Sneakers)


Da im digitalen Zeitalter scheinbar alles und jederzeit online verfügbar ist, boomt der analoge Sneakers-Fachhandel („instore-only“). Die Läden befinden sich hauptsächlich in Großstädten wie Köln, Berlin, Hamburg oder München, aber auch in Paris, Mailand, London oder New York.

Sneaker erfüllen die Sehnsucht nach einer Zeit, die noch nicht aus den Fugen war

Sneaker erfüllen die Sehnsucht nach einer Zeit, die noch nicht aus den Fugen war

Die modernen Jäger und Sammler, die  in den USA als „Sneakerheads“ bezeichnet werden, geben zuweilen vierstellige Beträge für die begehrten Paare aus. Der „Nike Air Mag“ aus dem Film „Zurück in die Zukunft 2“ gilt als einer der begehrtesten und teuersten Sneaker der Welt.

Jedes Modell der Yeezy Boost 350 ist auf einige tausend Paare limitiert (die genauen Zahlen gibt Adidas nicht bekannt) und grundsätzlich innerhalb weniger Minuten ausverkauft.

Der Sneaker-Sammler Tim Schröder sagt, dass in der Sneakerszene die Männer das Sagen haben, „und manche besitzen weitaus mehr Schuhe als die ein oder andere Frau“ (Jannis Haupt: Stundenlanges Schlangestehen für den Schuhkauf, FAZ, 7.4.2014, S. 30).

Sie wollen ihre Objekte der Begierde präsentieren und beziehen aus ihnen sogar Teile ihrer Identität. Sie fahren oft Hunderte Kilometer, um ein begehrtes Paar zu erwerben.

Schlange stehen für Exklusivität

Gern stellen sich die Sneaker-Liebhaber mit vielen Gleichgesinnten in eine Reihe und müssen oft sogar vor den Läden campen – das kann bis zu einer Woche oder sogar bis zu einem Monat dauern („Camp-out“).

Unvergesslich sind zum Beispiel die Warteschlangen 2012 für den „Nike Air Yeezy 2“, der von Nike gemeinsam mit dem Weltstar Kanye West entworfen worden war.

Wer sich gern in solche Warteschlangen einreiht, möchte auch ein kleines bisschen leiden: Es ist eine „Investition von Zeit und Mühe, für die man im Gegenzug eine gewisse Exklusivität erhält“, schreibt der internationale Marketingexperte Tim Leberecht in seinem Bestseller „Business-Romantiker“.

Diese oft stark limitierten Modelle kann man nicht einfach im Internet bestellen. Zudem entsprechen sie dem Bedürfnis nach Individualität, Lebenslust und Natürlichkeit. Sie sind verbunden mit einer großartigen Geschichte, einer stimmigen Marketingstrategie, dem entsprechenden Design und dem passenden Zeitgeist.

Beliebt und preiswert sind die Chucks des Sportartikelherstellers Converse. Der Sneaker wurde nach einem US-Baskettballspieler benannt. Vor einigen Jahren wurden Träger des 1917 lancierten Klassikers Chuck Taylor befragt, was sie an dem Schuh ändern würden.

Benannt wurden drei Problemzonen: die verrutschende Zunge, die flache und unbequeme Sohle und das Obermaterial Canvas. Seit August 2015 ist der Chuck II im Handel.

Grünes Standbein: Sneaker für das gute Gewissen

In Berlin gibt es vom Chuck eine faire Version. Shai Hoffmann übernahm das Crowdfunding-Projekt vom Berliner Architekten Van Bo le Mentzel, der 2013 die Idee zu den limitierten „Karma Chakhs“ hatte. Die Initiatoren bemühen sich um eine möglichst präzise Herkunftsangabe jedes einzelnen Elements und setzen auf eine nachhaltige und faire Produktion (ohne Plastik).


Karma Chakhs Crowdfunding-Project Video


Quelle: YouTube.com (Karma Chakhs)


Der Begriff „faire Sneaker“ ist sehr dehnbar. So ist einigen Konsumenten besonders wichtig, dass die Schuhe in Europa produziert werden, um sicherzugehen, dass hinter dem Produkt keine Kinderarbeit steckt, anderen sind nachhaltige Materialien mit bester Umweltverträglichkeit besonders wichtig.

An einem solchen Thema lässt sich zeigen, dass die Beschäftigung mit solchen Einzelaspekten wichtig ist und dass Teillösungen immer ein guter Anfang sind, um die Welt besser zu machen. Allerdings muss dies auch im großen Kontext des nachhaltigen Konsums gesehen werden, der gleichermaßen umwelt- und sozialverträgliche Produktalternativen erfordert.

Auch und gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Bereits 2009 fragte Jelena Juric in der TextilWirtschaft, welche Relevanz Nachhaltigkeit hat, wenn der gesellschaftliche Rahmen aus den Fugen ist.

Anhand zahlreicher Beispiele hat sie nachgewiesen, dass grüne Themen dann erst Recht eine wichtige Rolle in den Köpfen der Konsumenten spielen: Beim Einkauf wird verstärkt auf ökologische Verträglichkeit, Qualität und Langlebigkeit der Produkte geachtet. Sie zitierte auch den Zukunftsforscher Dr. Eike Wetzel, der schon damals eine stärkere Bedeutung von Werten im Konsum beobachtet hat: Menschen „wünschen sich Dinge, durch die sie neue Horizonte sehen können.“ (TextilWirtschaft 35, 2009, S. 31)

Immer beliebter werden deshalb heute No-Name-Labels wie die deutsche Marke Lunge, die für deutsche Qualität und eine nachhaltige Herstellung steht, Greats aus Brooklyn, die Luxustreter von Buscemi, Common Projects oder französische Öko-Sneaker von Veja.

Unter der Marke „Ethletic“ bietet die Fair Deal Trading GmbH nachhaltige Sneakers an, die nicht teurer als vergleichbare Konkurrenzprodukte sind und auch Veganern gefallen, denn sie werden ohne Klebstoffe aus tierischen Produkten hergestellt – dafür mit Latexmilch aus der Baumrinde.

Fair Trade & Eco Fashion Ethletic-Sneaker

Fair Trade & Eco Fashion Ethletic-Sneaker

Zur Produktpalette der memo AG, einem nachhaltigen Versandhandel, der mehrere Online-Shops betreibt, die sich an Privatverbraucher und Gewerbekunden gleichermaßen richten, gehören auch die Ethletic-Sneaker und weitere Modelle des fairen Schuh-Anbieters, die Privatkunden im Online-Shop memolife ordern können.

Mit Ausnahme der Metallösen für die Schuhbänder bestehen diese Schuhe ausschließlich aus natürlich produzierten Materialien: Oberstoff, Futter und Schnürsenkel sind aus reiner Biobaumwolle hergestellt. „Alles fair und nachhaltig“, sagt CEO Martin Solterbeck, der zuvor ein Unternehmen für Werkzeug- und Maschinenbau geführt und für „Ethletic“ fair gehandeltes Gummi für Fußbälle beschafft hat.

Die Lieferketten sind seit 2010 weltweit einmalig durchgängig FSC-zertifiziert. Der Forest Stewartship Council® (FSC®) ist eine gemeinnützige Organisation, die sich weltweit für eine ökologische und sozialverträgliche Waldbewirtschaftung und damit gegen den Raubbau der Wälder einsetzt.

„Das Fairtrade Certified Cotton-Siegel wird seit 2007 von der unabhängigen Zertifizierungsstelle TransFair für Textilien vergeben und verbessert die Lebensbedingungen der Produzenten durch eine faire Bezahlung der Rohstoffgewinnung und die Einhaltung von sozialen Mindeststandards in der Verarbeitung.“

Nur Produkte, die diese Kriterien erfüllen und deren Rohstoffe unabhängig zertifiziert sind, erhalten das Umweltzeichen FSC, das bei den Ethletic Sneakers auch auf der Sohle zu sehen ist.

Es garantiert

  • dass die ökologische Nachhaltigkeit der Plantagen in Sri Lanka, auf denen die Gummizapfer arbeiten
  • dass bei der Herstellung der Freizeitschuhe auch die herstellenden Näher in Pakistan nicht im Abseits stehen und faire Löhne erhalten
  • dass die Canvasstoffe und Schnürsenkel aus fair gehandelter Bio-Baumwolle sind, die aus pestizid- und chemikalienfreien Plantagen einer Kleinbauern-Kooperative in Indien stammt, die sich wie die Lederproduktion in Indien befinden und regelmäßig von der unabhängigen Zertifizierungsgesellschaft FLOCERT überprüft werden (sie sichert dauerhaft die Glaubwürdigkeit des Fairtrade-Siegels). „Ethletic“ wurde mit dem Fairtrade-Award 2016 in der der Kategorie „Manufacturer“ ausgezeichnet.

Sich mit Alltagsdingen wie Sneakers intensiver zu beschäftigen kann uns darin unterstützen, Phänomene der Gegenwart „grundlegend“ zu verstehen. Denn sie helfen uns, einen Standpunkt zu finden, von dem aus wir buchstäblich aus uns herausgehen können, um die Welt „laufend“ zu gestalten und ein bisschen besser zu machen.

Weitere Informationen

Übersicht nachhaltige Sneaker auf Utopia.de


 

Bildquellen

alexandra.hildebrandt@ska-network.com'

von Dr. Alexandra Hildebrandt

Dr. Alexandra Hildebrandt ist Publizistin, Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit.

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  1. […] Laufender Überblick: Was Sneakers über unsere Zeit aussagen […]

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